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Der Markt verändert sich. Seine gesellschaftliche Bedeutung bleibt jedoch unverändert hoch. Entscheidend wird sein, wie konsequent Betreiber, Investoren und Politik auf diese Entwicklung reagieren.
Die Finanzierung stationärer Pflege in Deutschland gerät zunehmend unter Druck. Eine aktuelle Sonderanalyse der DAK-Gesundheit unter Leitung des Bremer Pflegeökonomen Heinz Rothgang zeichnet ein deutliches Bild. Bereits im Jahr 2026 werden rund 37 Prozent der Bewohner stationärer Pflegeeinrichtungen auf Sozialhilfe angewiesen sein. Damit erreicht der Anteil einen historischen Höchststand. Bis 2035 könnte er laut DAK-Vorstand Andreas Storm auf etwa 43 Prozent steigen.
Die Entwicklung stellt ein zentrales Versprechen der sozialen Pflegeversicherung infrage. Als sie Mitte der 1990er Jahre eingeführt wurde, sollte sie verhindern, dass Pflegebedürftigkeit zu sozialer Bedürftigkeit führt. Heute zeigt sich jedoch, dass dieses Versprechen strukturell unter Druck gerät, nicht wegen eines einzelnen Reformversäumnisses, sondern weil Pflegekosten und Versicherungsleistungen seit Jahren in unterschiedliche Richtungen driften. Die Leistungsbeträge nach SGB XI wurden zwar mehrfach angehoben, konnten jedoch mit den tatsächlichen Kostensteigerungen in der Praxis nicht mithalten.
Der seit der Reform 2022 transparent ausgewiesene einrichtungseinheitliche Eigenanteil (EEE) macht diesen Spalt für Bewohner und Angehörige erstmals unmittelbar sichtbar.
Große regionale Unterschiede
Auch andere Studien weisen in diese Richtung. Eine Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft aus dem Jahr 2025 zeigt erhebliche regionale Unterschiede bei den Eigenanteilen der Bewohner. In Sachsen-Anhalt liegen sie im Durchschnitt bei rund 2.300 Euro pro Monat. In Nordrhein-Westfalen können sie dagegen mehr als 4.100 Euro erreichen.
Kostenfaktoren und regionale Dynamiken
Die Ursachen für diese Unterschiede sind vielfältig. Neben unterschiedlichen Lohnniveaus spielen vor allem regionale Mietpreise, Investitionskosten und die Größe der Einrichtungen eine Rolle. Besonders in Ballungsräumen treiben Immobilienkosten die Gesamtausgaben deutlich nach oben, zumal die Refinanzierung von Investitionskosten nicht über die Pflegeversicherung, sondern vollständig über den Eigenanteil der Bewohner oder landesrechtliche Fördermittel erfolgt, die je nach Bundesland sehr unterschiedlich ausgestaltet sind. In vielen ländlichen Regionen fallen die Fixkosten dagegen spürbar geringer aus.
Betreiber im Spannungsfeld zwischen Personal und Wirtschaftlichkeit
Für Betreiber rückt damit die eigene Kostenstruktur stärker in den Mittelpunkt. Personalkosten machen bereits heute etwa die Hälfte der Gesamtausgaben aus. Seit der Einführung der Tarifbindung im Jahr 2022 und mit steigenden Personalanforderungen wächst dieser Anteil weiter, zusätzlich befeuert durch den anhaltenden Fachkräftemangel, der Einrichtungen zwingt, über Lohn und Prämien im Wettbewerb um Personal zu bleiben.
Gleichzeitig verändert sich die Bewohnerstruktur. Multimorbide Pflegebedürftige, häufig mit zusätzlichen demenziellen oder psychiatrischen Komorbiditäten, benötigen intensivere Betreuung, während die durchschnittliche Verweildauer sinkt und der Pflegegrad bei Einzug steigt. Mit dem Eintritt der Babyboomer-Generation steigen zudem die Erwartungen an Komfort, Service und Lebensqualität spürbar, eine Kohorte, die eigene Vorstellungen von Selbstbestimmung und Wohnqualität mitbringt und diese auch einfordert.
Reformvorschläge mit begrenzter Wirkung
Kurzfristig dämpfen Leistungszuschläge nach § 43c SGB XI den Anstieg der Sozialhilfequote. Bewohner erhalten je nach Verweildauer einen gestaffelten Zuschuss, nach 12 Monaten 15 Prozent, nach 24 Monaten 30 Prozent, nach 36 Monaten 50 Prozent des einrichtungseinheitlichen Eigenanteils. Ohne diese Zuschläge läge der Anteil der Sozialhilfeempfänger bereits deutlich höher. Diskutierte Reformvorschläge, etwa eine dynamische Anpassung der Zuschläge an Löhne oder Inflation oder ein Pflegedeckel als absolute Belastungsobergrenze, könnten die Entwicklung zwar verlangsamen. Eine grundlegende Trendwende ist dadurch jedoch kaum zu erwarten, solange die systemische Entkopplung von Kostenwachstum und Leistungsfinanzierung nicht adressiert wird. Ein möglicher Pflegedeckel würde zudem die Finanzierung der Pflegeversicherung erheblich belasten und müsste durch substanzielle Beitragserhöhungen oder Steuerzuschüsse gegenfinanziert werden.
Wirtschaftliche Transparenz als Erfolgsfaktor
Vor diesem Hintergrund gewinnt die Analyse von Kostenstrukturen an Bedeutung. In der klassischen Aufteilung entfallen etwa 50 Prozent der Kosten auf Pflegeleistungen. Rund ein Drittel entfällt auf Unterkunft und Verpflegung. Investitionskosten machen etwa 17 Prozent aus. Betreiber, die ihre regionale Marktposition und den Anteil potenzieller Selbstzahler genau kennen, können ihre Strategien gezielt anpassen, etwa durch Spezialisierung auf bestimmte Versorgungsformen, den Einsatz digitaler Pflegedokumentation zur Entlastung des Personals oder eine bewusste Positionierung in Segmenten mit höherer Zahlungsbereitschaft.
Neue Perspektiven für Investoren
Auch für Investoren verändert sich der Blick auf den Markt. Pflegeimmobilien bleiben eine langfristig relevante Assetklasse. Gleichzeitig rücken regionale Unterschiede stärker in den Fokus. Einrichtungen mit hohen Investitions- und Mietkosten an Standorten mit begrenzter Kaufkraft und eher geringer Selbstzahlerquote geraten deshalb schneller unter wirtschaftlichen Druck.
Steigende Eigenanteile und eine wachsende Sozialhilfequote bedeuten, dass Einrichtungen mit vielen zahlungskräftigen Selbstzahlern seltener werden. Für Investoren wird damit entscheidend, genau hinzuschauen, wo Eigenanteile bereits hoch sind und die Selbstzahlerquote eher niedrig ist, um einschätzen zu können, ob der aktuelle oder künftig notwendige Mietansatz vom Betreiber überhaupt refinanzierbar ist. Hohe Mietniveaus lassen sich langfristig nur dort darstellen, wo die Bewohnerstruktur und die regionale Einkommenssituation diese Belastung auch tatsächlich tragen können.
Struktureller Wandel mit gesellschaftlicher Relevanz
Der Pflegemarkt steht damit vor einer Phase struktureller Neuordnung. Betreiber, die ihre Konzepte weiterentwickeln und wirtschaftliche Stellschrauben aktiv nutzen, können ihre Stabilität sichern. Investoren, die Portfolios differenziert analysieren und regionale Entwicklungen berücksichtigen, werden weiterhin Chancen finden.
IMMOTISS unterstützt Betreiber und Investoren dabei, Refinanzierung, Betriebsstrukturen und Healthcare-Portfolios auf diese veränderten Rahmenbedingungen auszurichten.
Der Markt verändert sich. Seine gesellschaftliche Bedeutung bleibt jedoch unverändert hoch. Entscheidend wird sein, wie konsequent Betreiber, Investoren und Politik auf diese Entwicklung reagieren.
Ihre Ansprechpartnerin für Fragen rund um Refinanzierungsfragen ist:
Maximilian Jager
Regulatorik & Pflegesatzverhandlung

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